Der Wandel ist jetzt.

April 27, 2021

In einer gemeinsamen Online-Konferenz sagte meine liebe Bekannte Katharina heute: „Ich möchte es nicht mehr so haben, wie es vor Corona war. Aber so, wie es jetzt ist, möchte ich es auch nicht. Und ich habe noch keine Vorstellung davon, wie es anders sein könnte.“

Katharina spricht mir damit nicht nur aus der Seele, sondern berührt mich auch zutiefst. Die alte Welt existiert nicht mehr. Die Neue ist noch nicht in Sicht. Stattdessen folgt ein Lockdown dem nächsten. Die aktuelle Lage sieht nicht nach Veränderung aus, sondern erinnert vielmehr an den amerikanischen Film Groundhog Day (Und täglich grüßt das Murmeltier), in dem Phil Connors (gespielt von Bill Murray) in einer Zeitschleife festhängt und gezwungen ist, jeden Tag den gleichen Mist zu erleben. Aber irgendwann im Laufe des Filmes erlebt auch Phil einen (seinen) Wandel, der ihn in seinem neuen Leben aufwachen lässt.

Sich hin und her wenden ist Wandel

Uns ergeht es zwar nicht wie Phil Connors in seiner Zeitschleife, aber auch wir fühlen uns gefangen in etwas, das den meisten von uns Unbehagen, wenn nicht sogar Angst bereitet. Dabei gibt es für das, was gerade ist, ein einfaches Wort: Wandel. Seine etymologischen Wurzeln reichen zurück in das althochdeutsche wantalōn, was so viel bedeutet wie sich hin und her wenden, ändern. Und das trifft wohl auch auf unsere Zeit zu. Kaum jemand kann sein Leben exakt so weiterführen, wie er oder sie es bis Ende 2019 getan hat. Jede:r von uns ist in unterschiedlichster Weise von diesem Wandel betroffen.

Diese Zeit, unsere Zeit, erinnert mich immer wieder an 1989. Als ein Kind der DDR habe ich im Alter von 13 zuerst durch den Mauerfall, dann die Wende und zuletzt durch das Auflösen des Staates einen Wandel erlebt, der für ein Volk tiefgreifender nicht sein kann. Den gelebten Realitäten, die sich für knapp 16 Mio. Menschen aus Gesetzen, Regeln, Normen, Gewohnheiten, Glaubenssätzen etc. zusammensetzten und (ja, durchaus) Orientierung gaben, wurde offiziell am 9. November 1989 ein Wandel verordnet.

Angst begleitet uns

Für mich geblieben ist die sehr lebendige Erinnerung an das Gefühl, das dieser Wandel mit sich brachte. Angst. Um genauer zu sein, war es Angst vor Verlust. Und diese Angst zeigte sich in vielen Facetten. Ratlosigkeit, ob der Westen jetzt weniger gefährlich ist, als die Obrigkeit uns vorher sagte. Orientierungslosigkeit, ob ich zum Staatsbürgerkunde Unterricht noch gehen musste oder einfach fernbleiben konnte. Hoffnung, dass da drüben im Westen auch nur Menschen lebten. Existenzsorgen, weil meine Eltern plötzlich mit Arbeitslosigkeit konfrontiert waren und keiner von uns, von unseren Freunden, Nachbarn oder Bekannten jemals eine solche Erfahrung gemacht hatte und folglich auch nicht wusste, was das emotional und finanziell bedeutete. Frustration, weil sämtliche sozialstaatlichen Funktionen wie Arbeitsamt, Krankenversicherung, Rentenversicherung und die dafür notwendigen Beratungen und Leistungen noch nicht reibungslos liefen und alles viel Zeit zur Bearbeitung kostete. Meine Mutter vergoss so manche Träne, weil sie nicht wusste, ob die Ersparnisse noch reichen würden, bis endlich die zugesicherte finanzielle Hilfe einsetzte. Und doch waren wir nicht alleine und saßen alle im Boot des kollektiven Wandels. Wenn ich auf unsere heutige Zeit blicke, erkenne ich viele Parallelen zu meinen Erlebnissen von damals. Auch heute stecke ich wieder in einem kollektiven Wandel, der mir und den Menschen im meinem Umfeld unter die Haut geht.

Wandel bedeutet Kurskorrektur

Was Wandel so anstrengend macht, ist nicht der Wandel selbst, sondern dass wir sehr lange versuchen, innerlich dagegen zu arbeiten. Wir wollen es nicht wahrhaben, dass das Leben uns eine Kurskorrektur verordnet. Wir suchen nach Fakten, die belegen, dass dieser Wandel falsch ist. Wir befragen Expert:innen, die sich mit Wandel auskennen, wie man am besten durchkommt, was man tun sollte, um es kontrollierbar zu machen, und vor allem: ob es das ganze Wandel-Paket auch in einem Zeitraffer geben kann – natürlich ohne große emotionale Nebenwirkungen, wenn möglich. Am besten, so hoffen wir lange, sollte alles ganz schnell vorbei sein und so bleiben, wie es ist. Na gut, vielleicht ein bisschen schöner. Und wenn das nicht hilft, sind die anderen schuld, die nicht richtig mitgedacht oder mitgemacht haben.

Doch so funktioniert das mit dem Wandel nicht. Wandel gibt es nicht in einer Abkürzung und Wandel ist immer unser eigenes Ding – ob wir kollektiv davon betroffen sind oder nicht. Und Wandel lässt sich nicht erdenken, sondern muss auch emotional sein und stattfinden dürfen. Niemand mag sich gerne mit Angst, Wut, Frustration oder Resignation auseinandersetzen – und doch gehört das alles (wie auch Hoffnung, Freude, Aufgeregtsein) zum Wandel dazu.

Wandel verbindet das Gestern und das Morgen miteinander. Es ist eine Zeit, in der alles möglich sein kann. Dafür benötigen wir jedoch andere Fähigkeiten als sie in einer Leistungsgesellschaft gefordert werden. Nicht Abschlüsse oder Bildungsgrade zählen, sondern die Fähigkeit zur Selbstreflexion und der Umgang mit Emotionen. Dafür brauchen wir Rückzug und Allein-Zeit, Raum zum Atmen und zum Wieder-Verbinden mit uns selbst. Denn wie sonst sollte der innere Kompass aktiviert werden, der uns den Weg in unser Morgen zeigt? Wandel begegnet man niemals alleine durch Aktionismus oder ausgefeilte Pläne, sondern immer mit Kontemplation. Oder anders ausgedrückt: indem wir unsere Zeit nutzen, um unsere individuelle Wahrheit und damit unseren Kern zu finden.

Es ist nicht das Charakteristikum des Wandels, sofort eine Lösung zu haben. Wandel ist vornehmlich dazu da, sich mit Fragen zu beschäftigen und nicht sofort nach Antworten zu suchen. Denn oftmals könnten wir die Antwort noch gar nicht leben (wer hier zweifelt, möge bitte bei Rilke nachlesen). Es geht um Ausprobieren, Annähern, Widerrufen, Neu-Erdenken, Veränderungen simulieren. So finden wir heraus, was oder wer wir sein und wie wir das durch welche Gewohnheiten ausdrücken wollen.

Wandel heißt Identitätsfindung

Das klingt aus der sicheren Entfernung natürlich abstrakt. Im Prozess selbst ist es wie die Chance auf eine erneute Pubertät, die uns auf unserem Weg der Identitätsfindung behilflich ist. Die Wahrheit, die wir dort entdecken, mag auf uns selbst und unser Umfeld verstörend wirken. Denn wenn wir beginnen, uns zu verändern, bemerkt es unser Umfeld zumeist noch bevor wir selbst es tun. Diese Zeit mit uns selbst ist jedoch genau das, was unsere inneren Kräfte stärkt. Das kann sich in mehr Selbstvertrauen, plötzlicher Klarheit, neuen Gewohnheiten oder einer Gewissheit jenseits des Erklärbaren zeigen.

Und jetzt höre ich die inneren Stimmen der Leser:innen, die aufschreien „Du hast gut reden! Du versteht nicht!“. Doch, ich verstehe sehr gut. Auch ich habe ein Familienleben mit zwei Kids, die mein Mann und ich durch Notbetreuung & Co manövrieren müssen. Auch ich habe Kunden, die meine Präsenz erwarten. Auch ich habe Verpflichtungen, denen ich nachkommen will. Und auch ich beschäftige mich mit der Frage, wer ich sein und wie ich mich in diese Welt einbringen will. Aber: ich habe diese eine Entscheidung getroffen, meinen Wandel so zu gestalten, wie er mir entspricht und nicht wie er passend für andere ist. Damit bin ich am Ende Phil Connors doch sehr ähnlich, der letztendlich erkannte, dass der Schlüssel aus der Zeitschleife seines Groundhog Days er selbst ist.